Blog - Controversy Sells

Rhetorische Bauerntricks

In letzter Zeit ist es hier ja etwas still geworden. Eine unheilvolle Kombination aus akutem Zeitmangel und daraus resultierender Antriebslosigkeit bei freier Zeit haben meinen Schreibfluss öfter abgewürgt, als eine talentbefreite Fahrschülerin das bemitleidenswerte Schaltgetriebe. Was doch angefangen wurde, blieb dann ein rohes Konzept, verharrend in den iCloud Notizen, bis es – von der Zeit überholt – der alte Witz wurde, der auch dadurch nicht lustiger wird, dass man ihn noch mal besser erzählt.

Immerhin ermöglichten es mir nachhaltige Bildungserfolge früher Grundschuljahre, ab und an etwas zu lesen. Lesen kann inspirieren und unterhalten, aber einen auch durch Texte führen, die einen fahlen Nachgeschmack hinterlassen.

Und der Grund sind nicht diese als Blogartikel oder Kommentar daherkommenden Splitterbrüche der Artikulation. Worte von Menschen, welche die Grenzen des Mediums „Toilettenwand mit Edding beschmieren“ niemals hätten überschreiten dürfen. Es sind vielmehr die pseudo-gewitzten Kommentatoren und Kolumnisten, welche ihre Meinung gerne vordergründig sprachgewaltig von sich geben, dabei aber gerne auf Methoden und Werkzeuge zurückgreifen, die eigentlich nur als rhetorische Bauerntricks trefflich zu bezeichnen sind.

Bauerntricks: Jedes Kind des Bolzplatzes kennt diese Manöver. Weder sonderlich innovativ noch völlig undurchschaubar, aber bei einem unvorbereiteten Gegenspieler trotzdem immer wieder wirksam. Statt mit dem runden Leder nutzen viele Autoren diese Vorgehensweise im Sprachgebrauch. Mit demselben Ergebnis: Der unvorbereitete Gegner der Argumentation wird erfolgreich überrumpelt. Aber auch mit derselben Schwäche: Undurchschaubar ist die Sache eben nicht.

Diesem erfolgreichen Durchschauen will ich mit drei oftmals strapazierten Klassikern dieser Gattung auf die Sprünge helfen:

 

 

1. „(etwas ist) nicht mehr zeitgemäß“

Anwendungsbeispiel: „Sprit schluckende Sportwagen sind doch nun wirklich nicht mehr zeitgemäß“

Zunächst sieht man hier eine eher harmlose Formulierung. Ablehnung lässt sich ja durchaus deutlicher formulieren. Angefangen vom diplomatischen „mit Luft nach Oben“ über das doppelbödige „suboptimal“ bis hin zum gutbürgerlichen  „völlig beschissen“. Wo ist denn das Problem mit dem harmlosen „nicht zeitgemäß“?

Die Boshaftigkeit liegt darin, die eigene Individualmeinung dummdreist als generellen Zeitgeist deklariert. Eine wirkliche, auch nur andeutungsweise wissenschaftliche Beweisführung, welche Meinung denn nun zeitgemäß ist, sei es die von elitären Hipstern oder der breiten Masse, wird gar nicht erst erbracht.

Wobei es sich hier weniger um ein sprödes Problem der wissenschaftlichen Genauigkeit handelt. Die Pointe liegt darin, dass diese vermutete, die „Zeitgemäßheit“ bestimmende Mehrheit einer Gesellschaft zum unsichtbaren Freund des Autors wird. Dieser erspart sich leidliche weitere Argumente für seinen Standpunkt. Denn ist die Gegenmeinung nicht mehr zeitgemäß, muss die eigene Position ja absolut mehrheitsfähig sein. Der angebliche erkannte Trend wird zum einzigen Argument, Gegenstimmen zu rückständigen Dinosauriern und Teil einer Minderheit.

Es spricht nichts dagegen, eine klare Meinung zu einem Thema zu haben. Sich gleich die Mehrheit der Bevölkerung zum Unterstützer zu machen, bedarf aber mehr als dieser Floskel.

 

2. (das eigentliche Problem liegt im) System

Anwendungsbeispiel: „Hans Mustermanns übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen und das Verschweigen dieser Verbrechen ist Teil eines Systems innerhalb der Medienbranche“

Wieder wird hier die eigene Hypothese, sei sie naheliegend oder weit hergeholt, zu einem Sachverhalt transformiert, der die eigene Position schwerlich angreifbar macht.

Hierbei wird ein spezifisches Fehlverhalten oder Verbrechen, sei es von einer Einzelperson oder einer Gruppe, zu einem weitreichenden Kartell der Missetäter erweitert. Damit einher geht die, explizite oder auch implizite Unterstellung, alle Mitglieder einer Branche, Organisation, Vereinigung, etc. wüssten von diesen Problemen, und würden sie akzeptieren oder gar davon profitieren. Wie bei einem Kartellverfahren, wird versucht zu erkennen, dass viele Beteiligten von der Situation profitiert haben, auch wenn eine aktive Teilnahme nicht nachweisbar ist. Der eigentliche Täter wird somit zum Kopf der Konspiration.

Das Problem dabei ist nicht nur der verschwörungstheoretische Duktus. Sondern, dass alle die innerhalb dieses „kartellierten“ Personenkreises keine negativen Folgen erleiden, quasi zu stillen Unterstützern des ominösen Systems werden. Der Anwender dieses Stilmittels zieht dadurch eine Linie in den Sand: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und wer seine Aktionismus gegen das von ihm vermutete System nicht teilt, wird zum Mittäter des real vorhandenen Verbrechers.

Auch hier ist die Diskussion von Missständen generell richtig. Doch niemand kann und muss gegen alle Probleme der Welt gleichzeitig anstürmen. Das macht einem noch nicht zum Ignoranten, und schon gar nicht zum Mittäter.

 

3. Hausaufgaben (zu erledigen haben)

Anwendungsbeispiel: „Die Griechen müssen bei der Staatsverschuldung endlich ihre Hausaufgaben machen“

Der unrühmliche Klassiker, die Griechen und ihre Hausaufgaben. Wolfgang Schäuble gefällt das. Erneut liegt die Finte der Formulierung wieder nicht darin begründet, dass der Grundtenor generell falsch ist. Gut möglich, dass bei dem Adressaten der „Hausaufgaben“ durchaus in einem Problemfeld Handlungsbedarf besteht.

Doch die Wortwahl hat einen unschönen Subtext. Der Sender und der Empfänger der Hausaufgaben werden in ein klares Lehrer-Schüler-Verhältnis gesetzt. Und dieses Verhältnis ist traditionell mit einem Ungleichgewicht von Macht und Wissen verbunden. Der Lehrer hat die Legitimation, seinem Schüler Hausaufgaben zu erteilen, wobei dieser wenig Anspruch auf Mitgestaltung oder gar Widerspruch hat.

Begründen würde dies der Lehrer wahrscheinlich durch seinen Wissensvorsprung. Er weiß, was der Schüler zu erledigen hat und wie die richtige Lösung der Aufgabe aussehen sollte. Wird diese nicht oder nicht richtig ausgeführt, kann er den Schüler sanktionieren.

Das ist in der Grundschule wahrscheinlich sinnvoll, und auch auf weiterführenden Schulen noch diskutabel. Aber nicht bei Staatsfinanzen oder unternehmerischen Entscheidungen.

Unter erwachsenen Menschen kann man Anweisungen erteilen, wenn es die gemeinsam akzeptierte Hierarchie ermöglicht  bzw. Aufträge, wenn Honorarvorstellung und Geldbeutel zueinanderpassen.. Aber bitte keine Hausaufgaben.

 

Sebastian Reek

Gründer, Inhaber und Texter / hat Wirtschaftspsychologie studiert – sogar erfolgreich (M.A.) / auch als Unternehmensberater und Autor unterwegs / begeistert von Strategie, Digitalisierung und dem gekonnt geschriebenen Wort / findet mit Sicherheit auch die richtige Lösung für Ihre Content-Thematik.

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