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First World Problems: Endlevel

First World Problems?

Seit geraumer Zeit existieren im englischsprachigen Raum eine Reihe höchst amüsanter Memes unter dem Leitmotiv „First World Problems“. Dargestellt werden verzweifelte, in Tränen aufgelöste Menschen, kombiniert mit einem typischen „Problem“ unserer schönen ersten Welt, welches hinsichtlich der alltäglichen Herausforderungen in anderen Regionen auf unserem Planeten wie der blanke Hohn wirkt.

first world problem

Ein sehr doppelgründiger Spaß, da die überspitzte Darstellung zwar durchaus unterhält, der Hinweis auf die Nichtigkeit der eigenen Herausforderungen einem aber auch einen mahnenden Spiegel vorhält. Leider haben sich diese Pointen im hiesigen Netz nicht wirklich verbreiten können. Wie auch, wenn beim deutschsprachigen Publikum Grafiken im Sinne von „Das ist Herbert. Herbert nimmt vor dem Backen die Folie von der Pizza. Herbert ist schlau. Sei wie Herbert.“ tatsächlich als Humor durchgehen.

 

Produkte im Angesicht des Überflusses

Aber zurück zum Thema: Beim einmal mehr von Abscheu geprägtem Betrachten von TV Werbespots kam mir vor einer Weile eine einleuchtende Erkenntnis: Die First World Problems sind nicht nur eine Steilvorlage für Pointen, sie sind ein eigenes Marktsegment! Besonders traurig deutlich wird das beispielsweise am Produktportfolio für Katzennahrung. Hier gibt es neuerdings einzeln portionierte Katzenfutter-Rationen, mit dem mahnenden Hinweis präsentiert, man wolle dem lieben Haustier doch nicht jeden Abend das Gleiche servieren. Man muss das mal, so weh es auch tut, in Gänze durchdenken: Es gibt Menschen, deren Leben so perfekt und sorgenfrei ist, dass für sie der Gedanke, dass ein Tier, welches sich zur eigenen Säuberung nonchalant den ganzen Tag sämtliche Körperteile und -öffnungen leckt, sich denken könnte – „Verdammt, zum zweiten Mal Putenfilet diese Woche. Skandal!“ – ein zu lösendes Problem darstellt. Getoppt wird das nur noch von „kalorienreduzierter Katzennahrung“. Die Produkt gewordene Manifestation der Erkenntnis: „Ich habe so dermaßen die Kontrolle über meinen Überfluss verloren, dass sogar meine Katze fett geworden ist“. First World Problems – Endlevel!

Das ist natürlich irgendwie sehr traurig, aber gleichzeitig auch sehr lustig. Eine Tragikkomödie der gesellschaftlichen Entwicklung. Bleibt nur die Frage offen: Ist das wirklich schlimm? Aus ökonomischer Sicht gibt es hinsichtlich der Frage, wieso wir Dinge kaufen ein recht einfaches Grundmodell der Konkretisierung: Bedürfnis – Bedarf – Nachfrage. Oder einfacher ausgedrückt: Durst – Bier-Durst – Theke. Es übersteigt zwar die Kapazitäten meiner Vorstellungskraft, diese Kausalitätskette so aufzubauen, dass am Ende die einzeln verpackte, geschmacklich vielfältige Katzennahrung steht. Trotzdem erfreut es jeden Ökonomen, wenn an Ende dieser wie auch immer gearteten Hirnwirrungen eine Nachfrage steht, denn dieser kann man mit einem Angebot begegnen. Und wenn es Unternehmen gelingt, immer neue Bedürfnisse zu wecken, welche zu immer neuer Nachfrage führen, sollte dies in einem Wirtschaftssystem, welchen man das ewige Wachstum ja quasi als Grundmaxime auferlegt hat, ja keinesfalls schädlich sein.

 

Die Grenzen der Kreativität

Und wenn man die ganzen, leider höchst verdienten, Witze über den besorgniserregenden Teil der Haustierbesitzer einmal außen vor lässt, findet doch sicher Jeder Lebensbereiche, in denen man heilfroh darüber ist, dass es Anbieter gibt, welche Wert auf das besondere Produkt, eine progressive Denkweise oder neue Innovationen legen: Automobilhersteller z. B., welche ihre Produkte noch mit Anmut und Stil entwickeln, und nicht als quadratisch-praktische, von jeglicher Dynamik befreite Gebrauchsgegenstände. Oder Modedesigner, welche dem inländischen Einheitsbrei aus blau-grüner Funktionskleidung eine eigene Material- und Formsprache entgegensetzen. Einrichtungshäuser und Vintage Möbel Händler, welche eine Alternative zu all den grotesk bunt beleuchteten Spannplatten-Konstruktionen und esoterisch angehauchten Photoshop-Wandbildern bieten, welche zurzeit die Großflächen bevölkern. Und die Idee, dank teurer verkauften Fleischprodukte Tiere halbwegs wie Lebewesen behandeln zu können, ist ja auch durchaus sinnvoll.

Aber auch hier wird es sicherlich Menschen geben, welche einen für die Begeisterung für solche Dinge ähnlich spöttisch betrachten, wie dieser Artikel die Freunde der Katzendiät. In Summe wird es aber fast für jeden „First World“ Bewohner die ein oder andere Sache geben, dank welcher er über jeglichen tatsächlichen Bedarf hinaus, die Gelegenheit bekommt, seinen Geldbeutel bis zum Monatsende zu leeren: kaltgebrühter Kaffee, Wasser aus Vulkangestein, handbemalte Porzellanteller, Weihnachtsmarktstände für handgebackene Hundekuchen oder Fernseher, welche bei manchem nicht einmal ins Wohnzimmer passen würden, wenn er sich sämtlicher Möbel entledigen würde. Inzwischen lässt sich sogar der gute alte Burger als vergoldete Variante erwerben.

Von der individuellen Geschmacks- und Einstellungsfrage einmal abgesehen bleibt aber die Frage offen, ob und wann in dieser Entwicklung der Höhepunkt erreicht wird? Ist der Grenzpunkt dann vorhanden, wenn die Absurdität der neuesten Exklusivität selbst mit dem wohlmeinendsten Menschenverstand kollidiert? Wenn also die Frage, wie angebracht es ist, den eigenen Burger mit Blattgold zu verzieren, während in anderen Erdteilen Fleisch nur auf den Teller kommt, wenn es sich um im Müll gefundene Essensreste handelt. Oder siegt irgendwann die Faulheit, wenn der Mensch sich mit der Fragestellung auseinandersetzt, ob golden funkelnde Exkremente tatsächlich einen arbeitsreichen Samstag wert sind. Vielleicht siegt doch der Erfindungsreichtum der Unternehmer, welche für Menschen, die eigentlich alles haben, immer wieder neue Dinge kreieren, die sie doch unbedingt brauchen?

Welch schönes Thema für die Kommentarfunktion – die darf man gerne einmal verwenden.

Sebastian Reek

Gründer, Inhaber und Texter / hat Wirtschaftspsychologie studiert – sogar erfolgreich (M.A.) / auch als Unternehmensberater und Autor unterwegs / begeistert von Strategie, Digitalisierung und dem gekonnt geschriebenen Wort / findet mit Sicherheit auch die richtige Lösung für Ihre Content-Thematik.

1 Kommentar zu “First World Problems: Endlevel

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