Blog - Controversy Sells

Fernsehen macht dumm – Web Content auch?

Content
OpenClipartVectors / Pixabay

Wenn Menschen Dinge erschaffen, seien es nun Produkte, Bilder, Texte oder Musik, müssen sie immer die Entscheidung treffen, inwieweit dieses Werk ein Mittel zum Zweck sein soll und wie viel Geld, Zeit und Energie darin investiert wird, seine Anwendung ansprechend zu gestalten oder auch das Werk, unabhängig von seiner Nutzung, in ästhetisch erfreuliche Gestalt zu bringen. Manchmal ist diese Entscheidung relativ einfach: So erwartet bei einem Hammer wahrscheinlich nur eine marginale Zielgruppe ein innovatives Design. Der Rest der Käufer wünscht sich einfach nur die Lösung für den benötigten Nagel in der Wand. Bei Autos ist das schon schwieriger: Hier gibt es sowohl die Fraktion „ich muss einfach von A nach B kommen“, als auch Kunden, welche ihr mobilisiertes Schmuckstück am liebsten im Wohnzimmer präsentieren möchten. Auch bei der Kleidung kennt man sowohl Menschen, die primär daran interessiert sind, ihren Genitalbereich vor den Blicken ihrer Mitmenschen und den gegebenen Witterungsverhältnissen zu bewahren, und solche, die in ihrer modebezogenen Auswahlentscheidung einen Ausdruck ihrer Persönlichkeit wiederfinden.

 

Das Clickbait Elend

Wenn ich mein Produkt betrachte – das im Netz befindliche geschriebene Wort – lässt sich ein deutlicher Trend hin zum reinen Gebrauchsgegenstand ausmachen. Dies beginnt mit den ominösen SEO Texten, deren Zielgruppe primär der Suchmaschinen-Algorithmus und weniger der Leser ist und endet mit sogenannten „Clickbait“ Websites, welche mit einer Kombination aus reißerischer Aufmachung des Links und der Inhaltsleere des eigentlichen Contents potenzielle Leser zu ihrem Angebot locken.

Solche Portale haben einen aus Sicht des – mit einem Mindestmaß an Kognition und Intellekt gesegneten – Lesers einen enormen Vorteil: man sieht ihnen die Funktionalität als in Textform operierende Venusfliegenfalle für potentielle Interessenten des eigentlichen Contents – der Werbebanner und Pop-ups – im Regelfall mit Leichtigkeit an. „12 Gestaltungsideen für den Hohlraum hinter Ihren Augen. Tipp 13 wird sie völlig verblüffen.“ Wer dahinter sinnvolle Inhalte vermutet, hat die Konfrontation mit der vorzufindenden Realität mehr als verdient.

 

Der Niedergang des Fernsehens

Doch auch wenn es aus einer kurzfristigen Perspektive heraus gedacht sicherlich hilfreich ist, dass man im Netz hinterlassene Exkremente auch ohne darüber kreisende Fliegen und eine entsprechende Geruchsentwicklung erkennt, stellt sich doch unweigerlich die Frage, wo das alles hinführen soll. Welchen Anteil des geschriebenen Wortes im Netz kann man als anspruchsbefreite, verstümmelte Halbsatzkolonien akzeptieren, welche lediglich als vorgeschobene Existenzberechtigung und Verzierung von Werbebannern für Diätpillen und Kredite ohne Schufa-Abfrage dienen.

Oliver Kalkofe hat den Niedergang eines Mediums – des Fernsehens – bei seinem Auftritt im Neo Magazin Royal sehr treffend analysiert. Hier wies er darauf hin, dass man früher die Menschen im Fernsehen betrachtet hat und davon träumte, einmal so zu sein wie diese Stars. Heute aber schaut man Fernsehen und hofft, niemals im Leben so zu werden wie die Menschen, die dort dar- bzw. bloßgestellt werden. Es wäre schade, wenn das Netz auch so endet. Und man nicht mehr darauf schaut, welche interessanten Dinge es dort zu sehen und zu lesen gibt, sondern es nur noch zur gelebten Schadenfreude an der Primitivität und Nutzlosigkeit der gebotenen Inhalte heranzieht.

 

Content ohne Fremdscham

Damit wir uns nicht falsch verstehen: es ist absolut nichts verkehrt daran, mit Web Content Geld verdienen zu wollen. Sonst wäre dieser Beitrag im Hinblick auf mein Geschäftsmodell ja ein trauriger Anfall an Bigotterie. Die Frage ist jedoch immer, wie viel Mittel zum Zweck noch tragbar ist, um aus dem Weg zum Ziel keine Tortur zu machen. Es gibt zumeist viele Wege von A nach B. Und natürlich kann es nicht immer der Bentley sein. Aber doch bitte auch keine Straßenzüge voller Fiat Multipla.

Aus meiner Sicht sollte Content immer etwas sein, dass dem Leser auch dann ein kleines bisschen Freude bereitet, wenn er anschließend kein Interesse an den damit in Verbindung stehenden Produkten oder Dienstleistungen hat. Oder ihn zumindest nicht so derartig mutwillig in seinem intellektuellen und ästhetischen Ansprüchen beleidigen.

Andernfalls wird das oftmals herangezogene Schreckgespenst der Digitalisierung – die Ersetzung der menschlichen Arbeit durch digitale Systeme und Algorithmen – auch die Texter schneller einholen, als ihnen lieb ist. Denn die Automatisierung der lieblosen Platzierung von Schlagwörtern in Standardtexten oder der stümperhaften Formulierung von Bildunterschriften ist sicherlich keine ferne Zukunftsmusik mehr. So obliegt es den wirkenden Personen im Netz, ob sie ihren Content für die Interessen, Emotionen und den Humor von Menschen erstellen möchten oder in Zukunft selbst die anvisierte Zielgruppe für die tolle Bildstrecke: „7 tolle Tipps, was Sie mit ihrer Freizeit anstellen können. Tipp 2 hielten wir selbst nicht für möglich.“ werden.

 

Sebastian Reek

Gründer, Inhaber und Texter / hat Wirtschaftspsychologie studiert – sogar erfolgreich (M.A.) / auch als Unternehmensberater und Autor unterwegs / begeistert von Strategie, Digitalisierung und dem gekonnt geschriebenen Wort / findet mit Sicherheit auch die richtige Lösung für Ihre Content-Thematik.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.