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Der Sensenmann der Disruption oder Das Adblocker-Mimimi

Christoph / Pixabay

Seit einigen Tagen hat die Online-Werbebranche einen neuen Helden: die Onlinepräsenz des über die Landesgrenzen hinaus bekannten Leitmediums der deutschen Dichter und Denker – der BILD Zeitung. Die Betreiber von bild.de hatten sich in einem radikalen Schritt dazu entschlossen, sämtliche Besucher, welche ihre Webpräsenz mit aktiviertem Adblocker aufsuchen, zukünftig auszusperren. Statt Leichen, Brüsten und Griechenlandhetze gibt es für diese Klientel zukünftig nur noch ein entsprechendes Hinweisschild, welches einen entweder dazu auffordert, den Adblocker zu deaktivieren oder für einen monatlichen Obolus auch mit vorhandenem Werbeblocker bild.de betrachten zu dürfen. So weit – so gut – so legitim. Und auch wenn mich innerlich kurz die Frage umgetrieben hat, wie der bemitleidenswerte Adblocker die Aufgabe die Entscheidung bewältigen konnte, ob nun der polemisch-desinformative Bild Artikel oder der Seiten überblendende Werbebanner für zwielichtige Online-Kredite das größere Ärgernis für den Anwender darstellt, war mir die Angelegenheit zunächst – wie so vieles auf der Welt – herzlich egal.

Bedenklich wurde das Ganze aus meiner Sicht erst, als mein XING Marketing Newsletter täglich neue Beiträge ausspuckte, in dem Branchenvertreter das Bild Experiment freudig und gespannt kommentierten. Groß war die Hoffnung, dass nach den wenig erfolgreichen Versuchen des Springer Konzerns, die Adblock Problematik juristisch zu bekämpfen, diese Blockade den uneinsichtigen Nutzer zur Räson bringen würde. Denn innerhalb der Kreise der Webseiten Betreiber drücken die Tränendrüsen wegen den Adblockern immer heftiger. Schon vor einigen Monaten gab es auf großen Newsportalen gar herzzerreisende Hinweistexte wie diesen hier: „Adblocker bedeuten für uns, dass wir für unsere Arbeit kein Geld bekommen. Wir bitten Sie deshalb, auf Adblocker zu verzichten oder für Spiegel Online eine Ausnahmeregel zuzulassen. Weil wir Ihnen auch in Zukunft Spiegel Online kostenlos anbieten wollen“

Nicht dass die Betroffenheit nicht nachvollziehbar wäre: Bei 25 % Adblock Verwendern unter den deutschen Internetnutzern – Anzahl steigend – gehen sowohl Website Betreibern als auch den Werbetreibenden sowie diversen Zwischenhändlern beträchtliche Einnahmen flöten. Aus Sicht dieser Personen ist dies sicher eine einmalige, noch nie da gewesene Katastrophe – gegen welche die Maßnahmen gar nicht radikal und durchgreifend genug sein können. Aus einer etwas distanzierteren Perspektive auf das Wirtschaftsgeschehen verkommt das „große Adblocker-Mimimi“ jedoch eher zu einem amüsanten Déjà-vu.

Ich kann mich in meinem Alter noch an Zeiten erinnern, da konnte man mit Musik noch richtig Geld verdienen. Menschen gingen tatsächlich in Läden um Musik käuflich zu erwerben und die Plattenlabels konnten selbst die heute prähistorisch anmutenden Maxi-CDs – bestehend aus einer Hitsingle, plus ein, zwei Liedern von der Resterampe und/oder zwei hingerotzten Remix Versionen, in hohen Stückzahlen unters Volk bringen. Dann kam mp3, dann kam Napster, dann iTunes, dann Spotify- und heute kann man für den Preis von zwei dieser Maxi-CDs für einen gesamten Monat auf Millionen von Musik-Alben zugreifen, während selbst bekanntere Musiker in kleinstädtischen Turnhallen auftreten, um neben den marginalen Cent-Beträgen aus dem Streaming Geschäft noch Einnahmen generieren zu können.

Auch Einzelhandels-Geschäfte und Warenhäuser wurden zu solchen Horten des Unglücks. Waren sie früher noch kompetente Ansprechpartner für Service und Beratung sowie als „Konsumtempel“ ein Magnet für Menschen mit frisch gefülltem Portemonnaie, verirren sich heute junge Leute höchstens noch in ein Bekleidungsgeschäft, um in der Umkleidekabine ein Foto mit dem Kleidungsstück auf Instagramm zu posten, welches sie sich später für den halben Preis im Online-Shop bestellen.

Wenn sich der Einzelhändler Abends an die Bar setzen würde, in welcher ein ehemaliger Plattenmillionär jetzt für die 15 Gäste am Piano klimpert, kann er sich da auf das ein oder andere Frust-Bier mit dem Taxi-Fahrer treffen, der nach der fünften Halben vulgär über Uber schimpft oder den Makler, der nach weggebrochenem Artenschutz seitens des Geschäftsgebers nun heftig an den Leasingraten für den Porsche zu knabbern hat. Wahrscheinlich würde auch der Inhaber des örtlichen Reisebüros gut in die Runde passen, nur wird er sich wahrscheinlich nicht einmal mehr ein Bier leisten können.

Während der nicht allzu vielen Jahren, in denen das Web und damit in Verbindung stehende Technologien mit einem geradezu disruptiven Wandel eines nach dem anderen dieser Geschäftsmodelle vom Spielfeld gefegt hatte, sah man dem Treiben vonseiten der „Digital-Wirtschaft“ – um dieses riesige Konglomerat mal mit einem Begriff zu belegen – selbstzufrieden und selbstgerecht zu. Brachte man dem Kunden doch neue Lösungen für sein Problem, welche für diesen schneller, bequemer und kostengünstiger waren. Dass für die teurere und langsamere Variante, für die man unverschämterweise auch noch das Haus verlassen musste, Menschen verantwortlich waren, welche jetzt vielleicht eine neue Karriere als Saisonkräfte im Weihnachtsgeschäft bei Amazon verfolgen – was soll’s! Wer nicht mit der Zeit geht, geht mir der Zeit!

Und auch hierfür habe ich durchaus Verständnis. So wie es außer dem Romantik Faktor für weibliche Mitfahrer wenig Gründe gibt, statt mit dem Auto für eine Reise die Pferdekutsche zu wählen, so wenig Sinn macht es, bei der Reiseplanung statt auf globale Preisvergleiche und unzähligen Kundenbewertungen, auf die Papier-Prospekte und Werbebotschaften eines Reisebüros zurückzugreifen.

Wofür ich jedoch wenig Verständnis habe: Das wehleidige Gejammere der neuen Selbstmitlei.. ähm Selbsthilfe-Gruppe rund um Webseitenbetreiber, Online-Vermarkter, Werbeagenturen etc., die jetzt – wenn zum ersten Mal ein Online-Geschäftsmodell durch technische Innovation in seiner Existenzberechtigung bedroht wird – nach dem Gesetzgeber schreien oder Hilfe schluchzend an das Gewissen ihrer Nutzer appellieren. Dabei war er doch bis vor Kurzem noch solch Quell der Freude, dieser webbasierte Darwinismus, der den Anbieter der nur noch zweitbesten Lösung quasi über Nacht in den Ruhestand versetzt hat. Im Stile motivierter französischer Gänsezüchter haben sich alle Beteiligten eifrig die Taschen auf Wohlstandsmaße gestopft. Doch jetzt, da der Sensenmann der Disruption bei einigen der ehemaligen Profiteure an der eigenen Haustür klopft, schreit man Zeter und Mordio.

Eine Legitimation dafür gibt es nicht wirklich. Schlaue Erfinder nahmen dem Menschen das Problem der Kutschfahrt, des überfüllten, schlecht sortierten Ladengeschäfts, des verstaubten Reisekatalogs oder der hoch bezahlten Nicht-Leistung des Maklers – und nun auch des nervig laut trötenden Werbevideos, welches sich ungefragt ganzseitig über den eigentlich angeforderten Content schiebt. Wer dachte, mit so was auf Ewigkeit Geld verdienen zu können – man möge ihm ein Taschentuch reichen. Und was die Unternehmer auf der Suche nach Werbemöglichkeiten angeht, die jetzt auf solche Penetranz verzichten müssen – es gibt durchaus subtilere aber ebenso wirksame Möglichkeiten der Vermarktung. Ein schöner eigener Blog zum Beispiel…

 

Sebastian Reek

Gründer, Inhaber und Texter / hat Wirtschaftspsychologie studiert – sogar erfolgreich (M.A.) / auch als Unternehmensberater und Autor unterwegs / begeistert von Strategie, Digitalisierung und dem gekonnt geschriebenen Wort / findet mit Sicherheit auch die richtige Lösung für Ihre Content-Thematik.

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