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[Aterlier] Alternative Wahrheiten und die eigene Filterblase

Wenn man bei Wikipedia nach dem Begriff Filterblase sucht, wird dort folgende Definition bereitgestellt:

„Die Filterblase (englisch filter bubble) oder Informationsblase (englisch informational bubble) ist ein Begriff, der vom Internetaktivisten Eli Pariser in seinem gleichnamigen Buch verwendet wird. Laut Pariser entstehe die Filterblase, weil Webseiten versuchen, algorithmisch vorauszusagen, welche Informationen der Benutzer auffinden möchte – dies basierend auf den verfügbaren Informationen über den Benutzer (beispielsweise Standort des Benutzers, Suchhistorie und Klickverhalten). Daraus resultiere eine Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt des Benutzers entsprechen.“ Quelle Wikipedia 

Aus meiner Sicht sind hierbei zwei weitere Aspekte zu bedenken:

  1. Die genutzten Social Media Plattformen einer Person stellen, auf Basis der Interessen, Aktivitäten und Kontakte, eine noch weitaus umfassendere Informationsbasis bereit, als die in der Definition genannten Browser-Informationen.
  2. Daraus abgeleitet stellt sich dann jedoch die Frage, ob die „Schuld“ für eine entstehende Filterblase rein dem bösen Algorithmus zuzurechnen ist, oder ob nicht jeder Einzelne durch sein – bewusstes und unbewusstes – Verhalten in sozialen Netzwerken seine Filterblase definiert und strukturiert.

 

Postfaktische Wahrheiten

Doch mag nach diesem abrupten Einstieg in die Thematik nun die Frage aufkommen: Wieso sollte ich mich mit dieser Sache auseinandersetzen? Hierfür gibt es – leider – einige höchst relevante und aktuelle Gründe:

Denkt man an solch eine Filterblase, entsteht oftmals schnell die klischeehafte Vorstellung eines Trump Anhängers, der sich, gewappnet mit eher rudimentärer Kognition und Emotion, durch seine Facebook Timeline, bestehend aus Holzhammer-Patriotismus und Alt-Right-Newsportale, bewegt und dabei Hass aufnimmt und – der Kommentarfunktion sei Dank – Hass weiter verbreitet. Eine selbst verschuldete Informationsenge, gefüttert durch Nachrichten, welche sich zwar von den Tatsachen immer weiter entfernen, sich gewissen Ressentiments aber immer weiter annähern. Deutlicher gesagt „Fake News“, oder aber, wie der orangefarbene Mann im weißen Haus es formulieren würde, „alternative Wahrheiten“. Gesetzt dem Fall, dass Fragen der „Wahrheit“ bei der Suche nach Informationen, welche das individuelle Weltbild stützen und verankern sollen, in einer „postfaktischen Gesellschaft“ überhaupt noch relevant sind.

 

Der Nutzen von Informationen

Dabei soll hier nicht suggeriert werden, dass der penetrant krakeelte Vorwurf „Lügenpresse“ doch etwas ernster zu nehmen ist. Trotzdem macht sich der Wert einer Information immer daran fest, welche Handlungsmöglichkeiten sie ihrem Empfänger ermöglicht. Wenn nun bei einem wachsenden Anteil der angedachten Empfänger statt eines Erkenntnisgewinns nur Ignoranz, kombiniert mit einer Flucht zu alternativen Wahrheiten und den dazugehörigen Facebook Kommentarspalten, ausgelöst wird, ist dies für die hiesigen Medien zwar kein Grund, den Wahrheitsgehalt ihrer Berichterstattung im Trump’schen Sinne zu adjustieren, aber sich doch der Frage zu stellen, welche Auswirkungen diese Abwendung auf das Denken und Handeln der Bevölkerung haben könnte.

Was haben „wir“ doch herzhaft gelacht über Donald Trump. Diesen polternden, clownesken Selbstdarsteller mit seinen rückständigen, einfach gestrickten Anhängern. Jetzt stellen diese Anhänger, zumindest nach den Regularien des US-amerikanischen Wahlsystems, die Mehrheit dar und der Mann verfügt über die Zugangscodes für ein umfangreiches Atomwaffenarsenal. Da bleibt einem das Lachen leider schnell im Hals stecken. Und doch liest man weiterhin seine bevorzugten Blogs, sieht in der eigenen Facebook Timeline Aktionen für die Flüchtlingshilfe, differenzierte ökonomische Ansätze, Diskussionen über die Chancen der Digitalisierung oder Aktionen gegen die rechtsextremen europäischen Parteien. Das alles verbunden mit der Hoffnung, dass diese Lebensrealität nicht durch diese Randgruppen ernsthaft in Gefahr geraten kann.

 

Gefangen in der eigenen Filterblase?

Aber wie lange können wir die hiesigen, rückwärtsgewandten Randgruppen noch als solche bezeichnen? Zeigt der Wahlerfolg Trumps nicht, dass wir vielleicht schon längst in unserer eigenen Filterblase leben? Hier hilft es, sich noch einmal die Neutralität dieser Begrifflichkeit ins Bewusstsein zu rufen. Er bedarf keiner Ressentiments, keiner Ablehnung von Minderheiten und keines Nationalismus. Wie sich der Trump Anhänger Schritt für Schritt seine „wir gegen die anderen“ Realität zusammengeklickt hat, konstruieren auch wir unser eigenes selektiertes, digitales Informationsspektrum. Lesen für uns bedeutsame Informationen, tauschen und mit Menschen aus, die unsere Einstellungen und Interessen teilen. Und so drängt sich mehr und mehr die Frage auf, ob „unsere“ liberale, weltoffene Lebensgestaltung innerhalb Europas tatsächlich noch die so deutlich vorherrschende Meinung ist, oder ob ihre scheinbare Präsenz bei den uns umgebenden Quellen und Personen nicht vermehrt das Ergebnis der von uns gesetzten Informationsfiltern ist.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dies soll kein Aufruf dazu sein, sich als Anwender des gesunden Menschenverstands mit Nachrichtenportalen auseinanderzusetzen, welche mit ihren alternativen Wahrheiten die niederen Triebe ihrer Leserschaft anstacheln. Auch muss niemand seine Kontaktlisten mit Anhängern von rechtsextremen Gruppierungen, von AfD bis Goldene Morgenröte, füllen, um sich täglich deren unappetitlichen Meinungen bewusst zu werden. Trotzdem sollte man sich immer bewusst sein, dass wir immer nur einen Bruchteil der Informationsbasis, welche die digitalen Quellen bereitstellen, aufnehmen können. Und mit jedem geklickten „gefällt mir“, jeder angenommenen Kontaktanfrage und jedem neuen Favoriten im Browser unseres Vertrauens legen wir fest, was wir sehen möchten und was doch lieber nicht.

Keine dieser Informationen muss in irgendeiner Form – bewusst oder unbewusst – irreführend sein. Trotzdem bleibt es immer nur der selbst gewählte Ausschnitt aus der Informationsflut. Dieser Ausschnitt kann dem Blickwinkel vieler anderer Menschen entsprechen, muss dies jedoch nicht. So wird es zur Aufgabe der Medien, aber auch jedes Einzelnen, die differenzierten Einstellungen und Meinungen, aber vor allem auch die dazugehörigen Mehrheitsverhältnisse im Blick zu behalten. Damit wir nicht auch in Deutschland, oder in anderen europäischen Ländern, überrascht und erschrocken feststellen müssen, dass vermeintliche Randgruppen – mit äußerst bedenklichen Weltbildern – inzwischen eine umfassende politische Handlungsfähigkeit demokratisch legitimieren können.

 

Original erschienen auf: digiconomy – Das Magazin für digitale Transformation

Sebastian Reek

Gründer, Inhaber und Texter / hat Wirtschaftspsychologie studiert – sogar erfolgreich (M.A.) / auch als Unternehmensberater und Autor unterwegs / begeistert von Strategie, Digitalisierung und dem gekonnt geschriebenen Wort / findet mit Sicherheit auch die richtige Lösung für Ihre Content-Thematik.

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